Ich hasse Schule

 


„Ich hasse Schule ...!“ Überlaut brüllte mir irgendwer diese Worte entgegen, und ich muss gestehen, ich war derselben Ansicht. Trotzdem wunderte ich mich darüber.

Denn ich war doch alleine, oder etwa nicht???

Zumindest hatte ich keinen gehört, als ich von der Schule nach Hause kam.

Und selbst auf meinen Ruf „Ich bin wieder da … - was gibts zu essen???“ hatte keiner reagiert.

So still war es bei uns zu Hause immer nur dann, wenn wirklich keiner da war.

Wer also sollte da eben so laut geschrien haben?

Unsicher blickte ich mich in meinem Zimmer um, doch da war keiner.

Eigentlich fand ich das prima, denn so hätte ich endlich mal machen können was ich wollte. Und wie sehr hatte ich mich schon auf den Moment gefreut, in dem ich endlich die BRAVO aus dem Ranzen holen konnte um sie zu lesen.

Das hätte ich sicher auch gemacht … - wäre da nicht eben dieser Schrei gewesen.

Von wem kam dieser Ruf wohl?

Hatte sich etwa doch jemand in meinem Zimmer versteckt?

Oder sollte das Geschrei von draußen gekommen sein?

Ich blickte durch mein Zimmerfenster, das mir einen sehr weiten Blick in die Umgebung gestattete, aber ich konnte niemanden ausmachen.

Von draußen schien es also nicht gekommen zu sein … - seltsam!

Nur von irgendwo musste er doch gekommen sein, oder?

Ich sah mich in meinem Zimmer um, entdeckte aber niemanden.

Hier war außer mir keiner, soviel stand für mich fest.

Na prima!

Es wäre ja auch zu blöd gewesen, schließlich war das mein Zimmer und ich ließ schon lange nicht mehr jeden gern zu mir rein.

„Heikes Reich – Betreten strengstens verboten!“

Das stand in großen Buchstaben auf einem knallroten Schild, das außen an meiner Zimmertür hing. Extra gruselig hatte ich es gemalt in der Hoffnung darauf, dass man sich dadurch von allein an diese Aufforderung halten würde.

Aber von wegen ...!

Langsam hatte ich das Gefühl als würde es gerade dafür sorgen, dass sich Mario, mein kleiner Bruder, und meine neugierige Mutter am liebsten bei mir tummelten. Mich aber nervte das jedes Mal aufs Neue ganz gewaltig.

Der Einzige, der Rücksicht auf meine Worte nahm, war mein Vater.

Er betrat mein Zimmer nur sehr selten, und wenn, dann klopfte er jedes mal davor an und wartete ab, ob ich ihn herein bat. Tat ich es nicht blieb er in der Regel draußen und wartete bis ich wieder mein Zimmer verließ, um mit mir zu reden.

So gehörte sich das meiner Meinung nach auch!

Bei den anderen jedoch war es wirklich wie verhext.

Ich konnte ihnen einfach nicht beibringen, mich in Ruhe zu lassen.

Warum wollten sie nicht endlich verstehen, dass ich es nicht leiden konnte wenn jeder unaufgefordert bei mir antanzte? Dabei nahmen sie dieses Recht für sich selbst fortwährend in Anspruch, vor allem Mario. Er brüllte immer wie am Spieß, wenn ich ihn in seinem Zimmer besuchen wollte. Und auch bei meinen Eltern durfte ich nicht ohne anzuklopfen das Schlafzimmer betreten, wenn sie beide da drin waren.

Nur bei mir erlaubten sie sich das immer wieder...

Dabei war ich doch wirklich schon in einem Alter, in dem ich auch meine Privatatmosphäre brauchte. Immerhin wurde ich bereits dreizehn. Und mit dreizehn hat man ja schließlich auch schon seine kleinen Geheimnisse, die man mit keinem anderen teilen will.

Wieso nur wollten die anderen das nicht endlich verstehen?

Ach Mensch, würde man sich doch endlich an das halten, was auf dem Schild stand!

Aber ich konnte machen was ich wollte, sie kamen meistens dann bei mir rein, wenn ich sie am wenigsten brauchte.

Mario, meinen kleinen Bruder, konnte ich ja noch raus werfen ...

Aber meine Mutter?

Sie ließ sich den Zugang zu meinem Zimmer von mir nicht verbieten, sondern kam geradewegs dann zu mir rein geschneit, wann es ihr passte. Nicht mal anklopfen wollte sie.

Dabei hatte ich ihr ganz bestimmt schon tausendmal erklärt, dass sich das nicht gehört.

Ich musste mir also etwas Neues einfallen lassen, um in meinem Zimmer endlich Ruhe vor den anderen zu haben ...

Nur was???

Wieder einmal, wie so oft, begann ich darüber zu brüten wie ich mir Ruhe vor den anderen verschaffen konnte, aber nicht lange ...

Denn in diese Gedanken versunken hörte ich es schon wieder.

„Scheiß Schule, ich hasse Schule ...“

Woher kam das bloß?

Egal wie sehr ich mich auch umsah, ich konnte nirgends etwas entdecken.

Dabei schaute ich wirklich überall nach. Im Schrank, unterm Bett, sogar ganz oben auf die Ablage vom Schrank blickte ich. Dazu hatte ich mir extra einen Stuhl geholt, auf den ich auch noch drei dicke Bücher gelegt hatte. Eine ganz schön wackelige Angelegenheit ...

Aber vom Schrank kam es auch nicht, seltsam!

Wer machte sich da bloß so einen Jux mit mir?

Mario hätte ich es schon zugetraut, dass er es sich irgendwo in meinem Zimmer gemütlich gemacht hatte, um mich zu ärgern. Denn von Zeit zu Zeit kam er auf solch einen Unfug.

„Mario, wo bist du???“ rief ich deshalb laut aus.

Keine Reaktion!

Um sicher zu gehen, dass sich Mario nicht doch irgendwo in meinem Zimmer verkrochen hatte, sah ich auf seinen Stundenplan. Dieser verriet mir, dass er noch wenigstens zwei Stunden Schulunterricht hatte, sofern nicht auch bei ihm ein Lehrer den Unterricht schwänzte.

Aber das geschah in seinem Jahrgang erfahrungsgemäß nur recht selten. Dafür kam es bei uns umso öfter vor. Wieso sich unsere Lehrer das einfach erlauben konnten war mir schleierhaft. Denn wehe ich kam auf eine derartige Idee, was ich natürlich auch schon ausprobiert hatte.

Das einzige, was mir das damals eingebracht hatte war ein Eintrag im Klassenbuch und ein unentschuldigter Fehltag auf dem Zeugnis, weshalb ich einen mordsmäßigen Ärger mit meinen Eltern bekam. Dabei hatte ich ihnen erklärt, dass unsere Lehrer das genauso machten und ich es ihnen lediglich abgeschaut hatte. Und wenn die das Recht dazu hatten, dann konnte mir das doch wohl auch keiner verbieten, oder?

Aber das sahen meine Eltern völlig anders als ich.

Ihnen war egal was meine Lehrer machten, mein unentschuldigtes Fehlen jedoch nicht. Deshalb verlangten sie auch von mir, dass ich solche Sachen in Zukunft unterlasse.

Ach, wie ungerecht das Leben doch sein kann …

Noch einmal vergewisserte ich mich, durch einen weiteren Blick auf Marios Stundenplan, dass dieser Überzwerg noch nicht da sein konnte. Damit war für mich klar, er konnte mir diesen Streich nicht spielen.

Aber, wer war es dann?

Ich suchte meine Eltern, fand sie aber nicht in der Wohnung.

Wo sie wohl wieder mal sind, ging es mir durch den Kopf.

Dann schaute ich auf die Uhr um festzustellen Papa ist sicher noch auf der Arbeit, aber Mutti? Wo soll sie denn um diese Uhrzeit nur stecken? Normalerweise ist sie doch zu Hause wenn ich aus der Schule komme. Ob sie sich wieder einmal mit der Nachbarin verquatscht hat? Das passierte hin und wieder schon mal, seit sie gemeinsam zum Nähunterricht fuhren.

 

„Verflixt, immer kriege ich die Prügel ab wegen der Scheißschule ...“ ereiferte sich schon wieder diese mir unbekannte Stimme lautstark.

Wie durch einen Nebelschleier nahm ich es wahr.

Irgendwer muss doch da sein, ging mir dabei durch den Kopf.

Aber kein Mensch war im Gestrüpp … - merkwürdig!

Ich ging zurück in mein Zimmer und wollte mich schon an meinen Schreibtisch setzen, da ertönte diese Stimme zum vierten Mal.

„Morgen mache ich diesen Mist nicht mehr mit! Soll doch in die Schule gehen wer will, ich nicht mehr!!!“

Was sollte ich tun?

Was war hier los und wer brüllte hier so?

Das erlaubte ich mir ja noch nicht mal bei mir zu Hause.

So langsam wurde mir die Sache unheimlich.

„Wer bist du und wo bist du?“ fragte ich zaghaft.

Keine Antwort!

„Jetzt sag mir schon wo du steckst“, kam es sogleich eine Spur ärgerlicher von mir.

Nichts geschah!

Daraufhin suchte ich mein Zimmer ganz genau ab, aber es war vergebens.

Außer meinen Möbeln und meinen Klamotten sah ich nichts.

Und so sehr ich mich auch umsah musste ich doch zugeben, es sah absolut gar nichts in meinem Zimmer verdächtig aus.

Na so was aber auch …

Sollte ich mir das alles nur eingebildet haben, in meinem Ärger auf die Schule?

Denn ärgerlich war ich wirklich, nein nicht nur ärgerlich sondern richtig stinkig!

Und dazu hatte ich meiner Meinung nach auch jeden Grund!

Schließlich musste ich mich schon wieder in Mathe mit einer drei Minus zufrieden geben, obwohl ich doch gerade für diese Arbeit soviel gebüffelt hatte. Und nur wegen ihr musste ich sogar aufs Schwimmbad verzichten, wo ich doch mit meinen Freundinnen verabredet war.

Sie hingegen waren schwimmen und hatten dennoch die besseren Noten in der Mathe-Arbeit bekommen.

Richtig gegrinst hatten sie, als die Noten dieser Klassenarbeit vorgelesen wurden.

Dabei hätte ich sie … - können, so wütend machte mich ihr Grinsen!

Furchtbar enttäuscht über diese Pleite mit der Mathe-Arbeit setzte ich mich neben meinen Ranzen auf den Boden. Das tat ich immer, wenn ich so richtig die Schnauze voll hatte. Und meistens prügelte ich dann auf meinen Ranzen ein.

Doch soweit war ich in diesem Augenblick noch nicht.

Ach, Mensch, ich hasse Schule, ging es mir gerade durch den Kopf, als ich ganz in meiner Nähe ein lautes Seufzen vernahm, dem die Worte folgten „Ich weiß, ich kann sie auch schon nicht mehr sehen ...“

„Wer spricht da???“

„Na ich!“

Verwirrt sah ich mich um.

„Wer du?“

„Dein Ranzen, oder glaubst du es macht mir Spaß wie du mit mir umgehst und mich auch durch die Gegend feuerst, wenn du dich über deine Noten ärgerst?“

„Ja spinne ich denn jetzt völlig? Seit wann sprechen Ranzen? Verarsch mich nicht, wer spricht da?“

Langsam wurde ich richtig sauer.

Irgendwer musste sich da einen Spaß mit mir machen, nur wer?

„Du kannst es mir schon glauben, es ist doch sonst keiner da. Du hast dich doch schon überall umgesehen. Also glaub mir endlich! Es ist sowieso an der Zeit, dass ich dir sage, dass ich von all dem die Schnauze mehr als gestrichen voll habe. Schließlich kann ich doch nichts dafür, dass du keine anderen Noten kriegst! Also, wieso lässt du ständig deine Wut an mir aus?“

Mir blieb nichts anderes übrig als entweder an meinem Verstand zu zweifeln oder zu glauben, dass mein Ranzen begonnen hatte ein Eigenleben zu führen, und sich hier auf einmal mit mir unterhielt. Doch da ich an meinem Verstand, trotz der dämlichen Mathe-Note nicht zweifeln wollte, glaubte ich das was ich hörte. Deshalb schaute ich mir meinen Ranzen jetzt auch etwas näher an.

Und was ich sah … - nein, ich konnte es einfach nicht fassen.

Da saß der Ranzen doch tatsächlich lebendig am Boden.

Fast alles was ein Mensch auch hatte sah ich an ihm, Arme und Beine, einen Rumpf.

Nur der Kopf fehlte … - stattdessen funkelten mich die Katzenaugen der Verschlüsse wie wild geworden an. Und die große Lasche, an der der Ranzen zu öffnen war hatte die Form eines großen feuerroten Mundes angenommen, der komplett von der einen Seite bis zur anderen des Ranzens ging. Irgendwie seltsam sah er aus, und dennoch gefiel er mir so.

Aber war er das wirklich noch?

Ich konnte es kaum glauben, deshalb wollte ich von ihm wissen „Was ist denn mit dir passiert?“

„Nix!“ Richtig verärgert kam diese Antwort bei mir an.

„Doch, es muss etwas passiert sein!“ beharrte ich auf meiner Meinung. „Sag nicht nix, denn du warst doch in der Schule und auf dem Heimweg noch ein ganz normaler Ranzen … - oder?!?“

Kopfschüttelnd betrachtete ich ihn.

„Ja, das war ich. Aber als ganz normaler Ranzen konnte ich mich mit dir nicht unterhalten. Und ich habe die Schnauze gestrichen voll von dir, so wie du mich behandelst! Deshalb ...“

„Was ist deshalb???“

„Deshalb hatte ich gar keine andere Wahl als das Angebot von Pieps anzunehmen. Der hat das nämlich, wie er sagte, auch schon lange genug mitangesehen und mir das Angebot gemacht mich für dieses Gespräch lebendig werden zu lassen....“

„Ach so ...“, unterbrach ich ihn, obwohl mir das einfach nicht in den Kopf ging.

Doch mein Ranzen ließ sich davon nicht aufhalten.

„Ja, er machte es, aber nur für dieses eine Gespräch. Danach muss ich wieder zum leblosen Ranzen werden oder für immer verschwinden. Wir haben also nicht ewig Zeit. Deshalb sag mir besser gleich ob du wirklich vorhast weiterhin so mit mir umzugehen, oder ob du endlich mit mir so umgehst wie ich es verdiene. Ich bin nicht mehr bereit dazu mich immer von dir als Blitzableiter benutzen zu lassen! Davon habe ich nämlich ganz gewaltig die Schnauze voll!“

Ungläubig sah ich mir meinen Ranzen an, ohne wirklich zu verstehen was hier vor sich ging.

So was hatte es doch wirklich noch nie gegeben.

Spielte mir hier meine Phantasie etwa einen Streich?

„Wer oder was ist Pieps?“ interessierte ich mich für das, was ich gerade gehört hatte.

„Pieps, ja das ist … - nein, das sage ich dir jetzt nicht!“

„Und wieso nicht?“

„Weil du mir noch nicht versprochen hast, dass du in Zukunft anders mit mir umgehen wirst! Also wie steht es jetzt damit???“

„Wieso sollte ich das?“

„Weil du mich jedes Mal damit verletzt, wenn du mich irgendwohin pfefferst.“

Ich musste lachen, denn wie kann man einen Ranzen verletzen?

Das ist doch nur ein lebloses Ding ...

Es kehrte eine kurze Pause ein.

„Schau doch mal wie ich aussehe“, begann der Ranzen erneut „meinst du denn, dass mir das alles Freude macht? Ich schäme mich jedes Mal, wenn ich die anderen Ranzen sehe und von ihnen ausgelacht werde. Keiner von ihnen ist so ramponiert wie ich ...“

Zum ersten Mal, seit ich ihn hatte, sah ich mir meinen Ranzen richtig an.

Völlig verbeult saß er auf dem Boden und mir war schon klar, dass ich daran schuld war.

Aber an irgendwas musste ich ja schließlich meine Wut auslassen, wenn es in der Schule nicht so lief wie es sollte. Und es lief meistens nicht so wie es mir gefallen würde.

Was also sollte ich tun? Mit Mario konnte ich mich deshalb ja schlecht prügeln, und mich mit Mädchen anzulegen, das war einfach nicht mein Stil.

Noch einmal wandte ich dem am Boden kauernden Ranzen meine Blicke zu, und irgendwo begann er mir regelrecht leid zu tun. Aber musste er deshalb wirklich lebendig werden und mir Schuldgefühle machen?

Wie gerne hätte ich ihn danach gefragt … - stattdessen erklärte ich ihm: „Darüber habe ich noch niemals nachgedacht, schließlich bist du doch nur ein Ranzen.“

„Was heißt denn hier nur ein Ranzen?“ ereiferte er sich sofort „Auch Ranzen schmerzt es, wenn mit ihnen so umgegangen wird!“

„So ein Blödsinn, sag mir lieber mal wer Pieps ist!“ wollte ich jetzt, ziemlich angesäuert, von ihm wissen.

„Nein, das sage ich dir erst, wenn du mir versprochen hast, dass du in Zukunft anders mit mir umgehst. Im anderen Fall kannst du das vergessen!!!“ Richtig ungehalten brüllte er mir diese Worte entgegen.

„He, hee, jetzt gib dich mal wieder, was soll denn das Geschrei …???“

„Was ist jetzt? Hast du wirklich vor in Zukunft auch so rüde mit mir umzugehen?“

„Sapperlot, das weiß ich doch selbst noch nicht“, bekannte ich daraufhin unverblümt „oder kannst du mir vielleicht sagen wie ich zu anderen Noten komme?“

„Dazu kommst du garantiert nicht, wenn du mich überall hinschmeißt und mich weiterhin quälst!“

„Und wenn ich es nicht mehr mache? Ändern sich dadurch dann vielleicht meine Leistungen?“

Ungläubig schaute ich mir diesen seltsamen Kerl auf dem Boden an.

„Vielleicht ...“

„Was heißt vielleicht???“

Ich konnte darüber wirklich nur meine blonde Mähne schütteln, so unglaublich war das für mich.

Doch es war immer schon mein Traum bessere Noten zu erhalten, und deshalb war ich auch bereit einiges dafür zu riskieren. Aber das hätte ich doch meinem Ranzen niemals erzählt.

Es trat eine Pause ein, und ich hatte das Gefühl als würde mein Ranzen nachdenken.

Mir selbst war das ganz recht, denn ich liebte es meinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Allerdings behaupteten andere, vor allem meine Eltern, deshalb von mir ich sei eine Träumerin. Und das wiederum passte mir überhaupt nicht.

Aber was solls, in diesem Moment tat mir die schöpferische Pause richtig gut.

Doch was würde ihr folgen?

Sollte mein Ranzen etwa wirklich eine Idee haben, wie ich in Zukunft bessere Noten schreiben könnte?

Quatsch! So etwas erschien mir völlig unmöglich ...

Schon schweiften meine Gedanken ab, allerdings in eine Richtung, die ich so überhaupt nicht mochte. Denn ich ertappte mich dabei, dass ich an die Schule dachte.

Ach wie wenig mag ich die Schule … - dabei hatte ich mich doch so darauf gefreut als ich noch klein war. Und das war ganz sicher nicht nur die Vorfreude auf die Schultüte, ging es mir durch den Kopf. Aber unsere Lehrer sind doch allesamt ziemlich doof, und der Unterricht ist öde und langweilig ohne Ende. Wie gerne würde ich die Zeit, die ich in der Schule verplempere für anderes nützen ... Zu sicher war ich, dass ich mit der Zeit, die ich in der Schule vertrödelte, etwas viel sinnvolleres machen könnte.

Hätte ich keine Schule, dann könnte ich in dieser Zeit endlich mal mein Zimmer ausmisten, und die ausgemisteten Klamotten auf dem nächsten Trödelmarkt verkaufen.

Ich wusste auch schon genau, was ich mit dem dort erzielten Geld machen würde.

Schließlich brauchte ich schon lange ganz dringend einen neuen Fußball, den mir meine Eltern nicht kaufen wollten. Sie waren nämlich der Ansicht, dass ich mich auch noch mit anderen Sachen beschäftigen sollte als mit Fußball. Dabei war das doch so ziemlich das einzige, was mich wirklich interessierte.

Hätte ich keine Schule, dann könnte ich … - oder auch nicht???

Wie viel Zeit verbummelte ich doch unnötig in der Schule ...

Aber ich musste in die dusselige Schule gehen, und das noch ganz viele Jahre.

 

Dabei stank sie mir jetzt schon ganz gewaltig, was meiner Ansicht nach bei unseren Lehrern auch nicht weiter verwunderlich war.

Wenn ich nur an die aufgebrezelte Tussi von Harth dachte, die uns Französisch beibringen sollte und selbst noch nicht mal in Paris war, dann verging mir wirklich alles. Die konnte mir ja vor ein paar Jahren noch nicht mal sagen wie viele Stufen der Eiffelturm hat. Und dabei hat mich das damals wirklich brennend interessiert.

Schließlich wollte ich ihn doch sooo gerne so malen, wie er wirklich ist. So aber konnte ich das nicht, und das gab ganz sicher den Ausschlag dazu, dass ich für mein tolles Bild nur eine vier bekam. Mensch, was war das eine Sauerei .. - dabei hätte ich meiner Meinung nach dafür wenigstens eine zwei plus verdient gehabt!

Verziehen hatte ich der Harth das bis heute nicht, obwohl es jetzt schon drei Jahre her war. Und weil ich mich darüber immer noch ärgerte, hatte ich mich seither auch, soweit ich es konnte, geweigert weitere Zeichnungen abzugeben. Allerdings führte das regelmäßig dazu, dass ich in bildender Kunst – wie sich das, meiner Meinung nach fälschlicher Weise, nannte - immer nur mit einer vier auf dem Zeugnis rechnen konnte.

Wie war das doch so ungerecht!

Ich nahm es daher regelmäßig zum Anlass der Harth eins auszuwischen. Nur leider ging der Schuss dabei manchmal nach hinten los und hatte mich schon so manches Mal meiner kostbaren Freizeit beraubt. Denn diese Tussi verlangte noch jedes Mal, wenn sie dahinter kam, dass ich es war die sie gerade wieder geärgert hatte, gnadenlos von mir, dass ich irgendwelche dusseligen Strafarbeiten machte, die meiner Ansicht nach ohne jeden Sinn waren. So sah ich das zumindest. Das war doch wirklich das Letzte ...

Deshalb nutzte ich diese Gelegenheiten regelmäßig, um sie zusätzlich zu ärgern.

Ich machte die Strafarbeiten zwar, weil sie sich sonst bei meinen Eltern oder dem Direx, Herrn Porr, über mich beschwert hätte, aber ich machte sie in der Regel so, dass sich die Harth darüber schwarz ärgerte. Einmal schrieb ich sie mit unsichtbarer Tinte, und die Harth wollte schon den Porr holen, weil sie mir nicht glaubte, dass ich sie gemacht hatte. Hab ich da gelacht … - umso wilder ist sie allerdings dabei geworden.

Um mir eine Strafpredigt des Rektors zu ersparen klärte ich sie in dieser Sache gerade noch rechtzeitig auf, bevor sie das Rektorzimmer stürmen konnte.

Dabei hätte ich sie nur zu gerne dumm sterben lassen.

Zuerst hatte ich die Hoffnung, dass nach dieser Sache endlich Frieden zwischen ihr und mir einkehren würde, doch weit gefehlt. Zu allem Überfluss verlangte sie von mir, dass ich so was nicht mehr mache. Und mir blieb gar nichts anderes, als ihr das zu versprechen.

Klar, dass sie mir so nicht davon kommen konnte.

Ich rächte mich an ihr indem ich ihren Stuhl, in einem Moment als ich allein in der Klasse war, mit Sekundenkleber einschmierte. Nichtsahnend hielt sie ihren Unterricht vor uns ab, und bevor sie sich versah saß sie auch schon auf dem Stuhl. Ich hätte mich kringeln können vor lachen. Denn ich wusste ja, dass sie damit wie eine Spinne im Netz gefangen war. Und wie gespannt wartete ich auf den Augenblick als sie sich endlich erhob, was leider erst gegen Ende der Unterrichtsstunde passierte. Dann aber ...

Ach, wie war das so köstlich, als sie sich ihren ganzen karierten Rock beim Aufstehen zerriss und im rosaroten Liebestöter vor uns stand. Es war ein Bild für die Götter, das sie so vermittelte.

Diese ungeschminkte, farblose Hexe mit ihren strähnig grauen Haaren, im angegrauten Spitzenblüschen, dem kaputten Schottenrock der nun teilweise durch einen rosanen Liebestöter ersetzt wurde, den weißen Kniestrümpfen und ihren schwarzen Lackschühchen, stand da, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Und von der sonst ach so strengen Lehrerin war in diesem Moment nicht mehr viel übrig. Wäre sie nicht eine solche Zicke gewesen dann hätte sie einem schon fast leid tun können. So aber hat die ganze Klasse gebrüllt vor Lachen, und zwar so laut, dass ein an unserer Klasse vorbeigehender Lehrer unvermittelt zu uns rein schneite. Als der Braun sah was geschehen war, konnte selbst er sich nicht mehr des Lachens erwehren. Nur die Harth wurde rot wie eine überreife Tomate, und hat geflucht wie ein Rohrspatz.

Besonders geil fand ich an diesem Vormittag, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb als in diesem Zustand auszuhalten bis sie endlich in ihrem Kleinwagen davon fahren konnte.

Bis zu dem Moment allerdings hat sich jeder, der sie so sah, über sie schepp gelacht.

Doch wer ihr das angetan hatte, das hat sie bisher nicht erfahren. Denn es hat keiner beobachten können, dass ich ihr den Sekundenkleber auf den Stuhl pappte.

Ich selbst hatte allerdings auch in soweit meine Lektion gelernt, dass ich seither nicht mehr mit der unsichtbaren Tinte meine Strafarbeiten gemacht habe.

Deshalb habe ich letztes Mal, als ich fünfhundert Mal den gleichen Satz schreiben sollte, eine Rolle Klopapier dafür genommen. Und wieder hat sich die Harth darüber aufgeregt wie ne nasse Katz …

Aber machen konnte sie rein gar nichts dagegen, schließlich hatte sie ja nicht gesagt auf was sie die Strafarbeit haben wollte. Zwar marschierte sie mit meiner Strafarbeit schnurstracks zu unserem Rektor, und der kam mit ihr auch zu uns in die Klasse um zu erfahren wer auf diese Idee gekommen war. Aber nachdem er mich mit seinen winzig kleinen Mäuseaugen ganz genau gemustert hatte stellte er nur lakonisch fest: „Die Strafarbeit scheint vollständig gemacht worden zu sein, es gibt daran also nichts zu beanstanden. Soviel kann ich dazu sagen, denn ich habe noch auf dem Weg hierher die Sache kontrolliert. Deshalb kann ich, außer der Tatsache, dass man hierfür ein anderes Papier hätte verwenden können, nichts daran bemängeln. Das Papier erscheint mir dafür allerdings etwas zu dünn zu sein, denn an einigen Stellen hat sich die Schrift eindeutig durchgedrückt. Aber sogar das Schriftbild kann sich sehen lassen, ich hätte es einem Mädchen von dreizehn Jahren nicht zugetraut.“

Von diesem Moment an war mir unser Rektor richtig sympathisch.

Die Harth aber sprang bei diesen Worten unseres Rektors fast aus der Buchs, denn ganz sicher hatte sie von ihm etwas anderes in dieser Sache erwartet. Für unsere gesamte Klasse jedoch war es eine riesen Belustigung. Und ich selbst muss jetzt noch lachen, wenn ich daran denke.

Schon wollten meine Gedanken zu meiner nächsten Schandtat wandern. Aber noch bevor das passierte meldete sich mein Ranzen lautstark zu Wort, und riss mich damit aus meinen Gedanken.

„Ja, sag mal bist du überhaupt noch da??? Die ganze Zeit rede und rede und rede ich mit dir, aber du hörst mir noch nicht einmal zu!!!“

„Sorry, was hast du gesagt? Ich glaube, ich war für einen Moment nicht ganz bei der Sache“, entschuldigte ich mich sogleich bei ihm.

„Einen Moment … - dass ich nicht lache. Weißt du überhaupt, wie lange du geistig abwesend warst?“

„N … nein, eigentlich nicht. War es denn länger als einen Augenblick?“

„So lange ich dich kenne hast du noch keinem Menschen so lange in die Augen geblickt, wie du jetzt abwesend warst“, stellte mein Ranzen nüchtern fest. „Von daher kann von einem Augenblick überhaupt keine Rede sein!“

„Entschuldige … - bitte.“ Ich brachte diese Worte recht gedehnt hervor, denn es war mir recht unangenehm, ausgerechnet von meinem Ranzen daraufhin gewiesen zu werden, dass ich eine Träumerin bin. Schließlich wusste ich das ja längst selbst.

„Ist schon gelaufen, und da bringen auch Entschuldigungen nichts mehr. Aber sag mir jetzt endlich, willst du, dass ich dir helfe oder nicht! Denn wenn ich dir helfen soll, dann musst du mir als allererstes schon mal zuhören. Sonst macht die ganze Sache keinen Sinn, und für sinnlose Sachen verschwende ich im Allgemeinen keine Zeit!“

Ich merkte wie ich puterrot bei dieser Rüge wurde, doch so schnell gab ich nicht klein bei. Deshalb wollte ich jetzt von meinem Ranzen wissen: „Ja, dann sag mir doch endlich, wie willst ausgerechnet du mir bei meinen Sachen helfen können? Die kapiere ja nicht einmal ich ...“

„Und wer sagt dir, dass ich dir nicht bei deinen Arbeiten helfen kann?“ Provokativ stellte er diese Frage und funkelte mich mit seinen Katzenaugen so an, dass mir fast Angst und Bange dabei wurde.

„Na ich, wer sonst???“ kam jetzt ziemlich lahm von mir.

„Kann ich vielleicht doch ...“

„Wie meinst du das?“

„Wir könnten einen Pakt schließen. Hör mir mal genau zu ...“

„Okay, ich höre. Aber erzähl mir jetzt keinen Quatsch!“ Richtig vorwitzig sprang ich auf.

Mein Ranzen schüttelte einen kurzen Moment seinen Körper, und bei dem was dann kam staunte ich Bauklötze.

„Also pass auf, ich mache dir einen Vorschlag! Du traktierst mich nicht mehr und ich helfe dir dafür bei deinen Klassen- und Schularbeiten.“

„Wie soll das denn gehen?“ In meinem Inneren begann ich mich über den Unfug, den ich da hörte, zu amüsieren. Doch ich wäre sehr froh gewesen, wenn ich an diese Worte hätte glauben können.

Da ich nicht recht wusste wo ich dran war, trat ich unsicher trat von einem Bein aufs andere.

Sollte mein Ranzen wirklich eine Idee haben, oder wollte er mich hier nur verschaukeln?

„Schau mich nicht an als käme ich vom Mond“, kam in diesem Augenblick von ihm „von dort komme ich nämlich nicht.“

„Was soll das jetzt wieder heißen“, wollte ich von ihm wissen. So langsam verlor ich die Geduld. Und daran, dass er mir helfen könnte, glaubte ich sowieso nicht.

Doch unbeirrt setzte er wieder zu reden an.

„Das ist doch ganz einfach. In mir bewahrst du doch deine Schulsachen auf ...“

„Ja und ...“, gab ich ihm schnippisch zur Antwort.

„Was meinst du, was ich mit deinen Schulsachen mache?“

„Nichts, was solltest du auch damit machen?“ Ich begriff nicht worauf er hinaus wollte.

„In der Zeit, in der sie von dir nicht beachtet werden sondern in meinem Bauch sind, lerne ich sie auswendig!“

„Das ist Blödsinn hoch zehn, was du mir da erzählst, das kannst du mir doch nicht weismachen“, erwiderte ich einen Tick zu laut. „Halt mich doch nicht für blöde! Wie willst du das denn machen?“

Ich verstand die Welt nicht mehr.

Ein Ranzen, der lernt? Und das auch noch freiwillig? Das war mir nun wirklich zu hoch.

„Ja, all die Jahre, die ich schon bei dir bin, habe ich alle deine Bücher auswendig gelernt. Und das hat mir noch jedes Mal eine riesige Freude gemacht“, bekannte er fröhlich.

„Du spinnst … - du willst mich doch nur verscheißern ...“

Ich schüttelte so wild ich nur konnte den Kopf und ließ mich wieder auf den Boden plumpsen. Dabei versuchte ich wieder Klarheit in meinen Kopf zu bekommen.

Es konnte doch nicht sein, dass ich hier allen Ernstes auf dem Boden mit dem meinem Ranzen saß und mich mit ihm übers Lernen unterhielt, oder?

Was ging hier bloß vor sich?

Drehte ich jetzt etwa wegen dieser Mathe-Arbeit völlig durch?

Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Aber noch bevor ich weiter in diese Richtung denken konnte meldete sich mein Ranzen schon wieder zu Wort. „Nein, ich meine das was ich sage wirklich sehr ernst!“

Richtig vorwurfsvoll kamen diese Worte bei mir an.

„Deshalb weiß ich auch, dass ich dir helfen könnte. Schließlich lerne ich deine Bücher nicht nur auswendig, sondern passe, im Gegensatz zu dir, im Unterricht auch immer sehr genau auf!

Und bis heute habt Ihr noch keine Arbeit geschrieben, die ich nicht hätte mitschreiben können, und zwar mit richtig guten Noten!“

„Sag bloß ...“ Ich begriff jetzt überhaupt nichts mehr. Deshalb sprach ich gelangweilt dazwischen.

Doch mein Ranzen ließ sich davon nicht beirren.

„Also, wenn du mir versprichst in Zukunft anders mit mir umzugehen helfe ich dir bei deinen Arbeiten, und wenn du willst auch bei deinen Hausaufgaben. Damit bist du dann viel, viel schneller damit fertig und hast dadurch auch viel mehr Zeit für Sachen die dir echt Freude machen. Was hältst du davon?“

Ich nickte, und sofort gingen meine Gedanken in Richtung Fußball …

Noch konnte ich das Gehörte kaum glauben, denn es hörte sich für mich viel zu phantastisch an.

Mein eigener Ranzen wollte mir dabei helfen, dass ich in der Schule besser würde … - ich schwieg. Denn das was er mir da sagte, das musste ich zuerst einmal verdauen.

 

„Nun sag schon wie du darüber denkst!“ Ungeduldig drängte er auf eine Antwort. „So schwer kann es dir doch nicht fallen mit mir in Zukunft manierlich umzugehen, oder? Du bist doch schließlich zu deinen Freundinnen und Freunden auch nicht so rüde! Also wo hängt es?“

Ich konnte nur über ihn staunen, doch glauben konnte ich ihm noch nicht.

„Wer sagt mir denn, dass du die Wahrheit sagst“, war deshalb meine nächste Frage.

„Ich! Reicht dir das denn nicht???“

„Nein, beweise es mir!!! Sagen kann man schließlich viel, wenn der Tag lang ist!“

„Okay, dann lass uns gleich mal anfangen. Bist du bereit dazu?“

„Aber klar doch!!!“

„Was haben wir heute auf?“ wollte ich als Erstes von ihm wissen.

„Das weißt du doch selbst, aber … - na gut, ich will mal nicht so sein“, lautete seine Antwort. „Französisch, Mathe und Englisch. In Bio seid Ihr alle mit einem blauen Auge davon gekommen und Geo fiel aus, ebenso Sport, weil die Seilmann krank ist.“

Erstaunt sah ich ihn an, denn das was er sagte stimmte soweit ganz genau.

„Und was haben wir in Französisch, Mathe und Englisch auf?“

Zwar konnte ich es immer noch nicht glauben was ich soeben gehört hatte, doch so langsam bekam ich Vertrauen in das was mir mein Ranzen hier erzählte.

„In Mathe ist die Berichtigung der falschen Aufgaben aus der Mathe-Arbeit zu machen. Englisch reicht es, wenn du die letzten Vokabeln auswendig lernst und in Französisch hast du einen Aufsatz zu schreiben, zu dem was du in den Ferien gemacht hast. Nur mach die Französischaufgaben nicht wieder auf Klopapier … - du weißt, die Harth versteht darin keinen Spaß. Ich selbst habe diese Sache, um ehrlich zu sein, auch nicht sehr lustig gefunden. Du machst, statt im Unterricht aufzupassen, sowieso viel zu viel Unsinn!“

Mit offenem Mund stand ich vor dem Ranzen, so perplex war ich. Denn jedes Wort entsprach den Tatsachen. Er musste also wirklich gut aufgepasst haben in der Schule.

In Gedanken ging ich den Unterricht vom Vormittag noch einmal durch.

Dann musste ich grinsen …

„Halt! Bevor du jetzt was sagst bin ich noch einmal dran! Du ganz allein hast auch noch die Strafarbeit für Herrn Miesmacher zu machen, da du die Klappe mal wieder nicht halten konntest in seiner Stunde! Das hättest du dir aber wirklich ersparen können, denn du weißt doch, dass er es nicht leiden kann wenn man mit seinem Namen Scherze macht.“

„Stimmt leider ganz genau ...“, bekannte ich murrend. In meinem Kopf entstand in diesem Moment das folgende Gedicht, das ich am nächsten Tag direkt in einem unbeobachteten Augenblick an die Tafel schreiben würde:

 

Ach du alter Miesemacher

denkst von dir, du bist der Kracher

hau nur ab du Kinderschreck

denn sonst laufen wir dir weg …

 

Sicher würden sich meine Klassenkameraden darüber köstlich amüsieren. Und ich konnte schon jetzt den alten Miesmacher vor mir sehen, wie er seine Nickelbrille von der Nase auf die Stirn schieben würde, um uns Schülerinnen und Schüler in der Klasse genau zu mustern. Dabei würde er ganz sicher wieder puterrot anlaufen, dass man meinen könnte er bekomme gleich einen Herzinfarkt.

Nur leider würde er uns diesen Gefallen sicher wieder nicht tun. Stattdessen würde garantiert ein Donnerwetter losbrechen. Und ich konnte sicher mit den nächsten Strafarbeiten von Miesmacher rechnen. Denn leider kannte er ja unsere Schriften nur zu gut, schließlich hatten wir ihn ja nicht erst seit gestern als Lehrer. Aber das sollte mir egal sein, denn wenn ich an ihn dachte, dann ging mir der Hut hoch.

Ja, es wütete in mir ein wahrer Orkan. So sehr hatte ich ihn gefressen.

 

Schließlich gerieten wir schon aneinander seit ich von der Grundschule zum Gymnasium gewechselt war. Zwischen uns war es Hass auf den ersten Blick, und das ganz sicher beidseitig.

Von mir aus konnte das auch so bleiben, nur die ewigen Strafarbeiten und Einträge ins Klassenbuch nervten mich langsam. Ach, Mensch, ich hätte dem Miesmacher … eins können … - weil er mir schon wieder eins ausgewischt hatte. Dabei konnte ich doch nichts für seinen bescheuerten Namen.

„Ja, ich weiß“, gab ich meinem Ranzen gegenüber deshalb auch zähneknirschend zu „aber muss der denn einen so dämlichen Namen haben?“

„Er hat ihn nun einmal ...“, mehr bekam ich nicht zur Antwort.

Wie gern hätte ich darauf etwas erwidert. Doch noch bevor ich dazu ansetzen konnte hörte ich, wie die Wohnungstür von außen geöffnet wurde. Das konnte nur meine Mutter sein ...

„Jetzt musst du dich verstecken“, flüsterte ich dem Ranzen zu. Schließlich durfte doch keiner sehen, dass er lebendig geworden war.

„Schieb mich unter dein Bett, aber tu mir dabei nicht weh“, kam es fast lautlos von meinem Ranzen.

Mit einem ganz leisen „Okay“ beförderte ich ihn sanft unter mein Bett.

In diesem Augenblick wurde auch schon die Tür zu meinem Zimmer geöffnet, und meine Mutter stand lachend vor mir.

„Na Heike, bist du schon lange zu Hause?“ wollte sie von mir wissen.

„Nö, eigentlich noch nicht, glaube ich“, parierte ich ihre Frage.

„Dann musst du unterwegs ja wieder mal wahnsinnig getrödelt haben. Denn dein Unterricht ist schon seit gut drei Stunden aus.“

Forschend sah sie mich bei dieser Feststellung an.

„Hast du dir denn schon das Mittagessen warm gemacht und es gegessen?“

„Mittagessen ...“, ich muss sie angesehen haben als würde ich dieses Wort zum ersten Mal hören, denn sie schüttelte nur den Kopf über mich.

„Nein, zum Mittagessen kam ich wirklich noch nicht!“

„Was hast du denn bloß die ganze Zeit über gemacht?“ war die nächste Frage meiner Mutter, die ich ihr doch wirklich nicht wahrheitsgemäß beantworten konnte. Deshalb versuchte ich sie davon abzulenken indem ich ihr eine Gegenfrage stellte, auf die sie sich aber nicht einließ.

„Nun sag schon, was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“ bohrte sie noch einmal nach.

Dass Mütter aber auch gar nicht aufhören können penetrant immer wieder die gleichen Fragen zu stellen..., ging es mir durch den Kopf, und zur Antwort gab ich ihr „Ich habe geträumt ...“, was ja nicht ganz gelogen war.

Glücklicherweise schien meine Mutter mit dieser Antwort zufrieden zu sein, denn sie hatte jetzt nur noch eine Sorge. „Du musst Mittagessen, denn du hast heute Nachmittag Fußballtraining, und dafür brauchst du die nötige Kraft!“

Wie gut, dass sie mich nicht nach dem Ergebnis der Mathe-Arbeit fragte, sonst wäre ihr die Laune wohl gleich vergangen. So aber lachte sie mich gut gelaunt an und nahm mich mit rüber in die Küche, wo sie mir auch gleich das Mittagessen wärmte und dann servierte.

„Hmmmm ...“, es war aber auch zu lecker, heute gab es ausgerechnet mein Lieblingsgericht.

Das war ja richtig klasse.

Zum ersten Mal wurde ich also für eine schlechte Note auch noch belohnt …

Ach, wie schnell mich das über das Ergebnis der Mathe-Arbeit doch hinwegtrösten konnte. Es tat mir richtig gut! Deshalb verschlang ich auch gleich zwei Portionen davon.

Außerdem hatte es den Vorteil, dass ich in dieser Zeit keine unnötigen Fragen beantworten musste. Denn meine Mutter mochte es überhaupt nicht, wenn einer von uns mit vollem Mund sprach.

Kaum hatte ich mein Essen gegessen und meinen Teller in die Spülmaschine gestellt, schon wollte ich zurück in mein Zimmer.

Doch diese Rechnung hatte ich ohne meine Mutter gemacht.

Noch bevor ich mich versehen konnte kam sie auch schon, die Frage nach der Note in der Mathe-Arbeit, der ich so gerne ausgewichen wäre. Sofort ließ ich meinen Kopf sinken, und meine Mutter wusste dadurch ganz genau, dass die Arbeit wieder einmal nicht so ausgefallen sein konnte, wie wir uns das wünschten.

„Jetzt mach schon den Mund auf. Wie ist sie ausgefallen?“ ließ sie sich nicht beirren.

„Drei Minus“, kam es kleinlaut von mir.

„Und an was hing es? Du hast doch wirklich vor der Arbeit eine ganze Menge gelernt, also was war los?“

„Ich weiß es auch nicht“, war das Einzige, was ich ihr darauf antworten konnte.

„Dann sehe ich mir das nachher mal ganz genau an“, entschied sie. „Denn das muss in Zukunft einfach besser werden! Aber jetzt muss ich mich tummeln, bevor der Mario heimkommt, damit auch er dann sein Mittagessen auf dem Tisch hat. Du kannst in der Zeit ja schon mal mit den Aufgaben beginnen.“

Froh, meiner Mutter so schnell zu entkommen und verließ die Küche in Richtung meines Zimmers. Jetzt ärgerte ich mich, wieder einmal, dass ich es nicht von innen absperren konnte. Denn wie gern hätte ich mich jetzt mit meinem Ranzen weiter unterhalten.

So wusste ich aber nicht wie ich das machen sollte.

Schließlich sollte meine Mutter ja nicht mitbekommen, dass mein Ranzen lebendig geworden war.

Ach, es war einfach nur ärgerlich ...

In meinem Zimmer angekommen lugte ich gleich unters Bett, von wo mir mein Ranzen fröhlich zuwinkte. Ich winkte zurück. Aber ganz egal wie gerne ich jetzt auch mit ihm geredet hätte, mir blieb nichts anderes übrig als ihm ganz leise zu erklären, dass ich mich noch nicht mit ihm unterhalten konnte, da meine Mutter jeden Moment wieder bei mir rein schneien konnte.

Mein Ranzen, der die Zeichensprache zu beherrschen schien, nickte nur stumm und ich stand wieder auf um mich an meinen Schreibtisch zu setzen.

Schließlich wusste ich ganz genau, ich würde mich mit meinem Ranzen erst in dem Moment wieder unterhalten können, in dem meine Mutter meinen kleinen Bruder von der Schule abholen würde.

Das passte mir zwar überhaupt nicht, nur was sollte ich machen?

Ich konnte es einfach nicht riskieren, dass meine Mutter mitbekam was hier abging.

Deshalb setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um zu überlegen wie es jetzt weitergehen sollte. Doch einen klaren Gedanken zu fassen, das gelang mir nicht.

Rein prophylaktisch packte ich deshalb ein paar Unterlagen auf den Schreibtisch, um mit den Hausaufgaben zu beginnen. Aber so aufgeregt wie ich war kam ich einfach nicht zum Arbeiten.

Viel zu viel ging mir durch den Kopf. Und ich ertappte mich dabei, wie ich auf meine Schreibtischunterlage einen Luftballon nach dem anderen malte.

Auf diese Weise würde ich nie mit meinen Sachen fertig werden, bis ich zum Fußballtraining musste, das war mir klar.

Doch was tun???

Ich konnte mich auf meine Strafarbeit einfach nicht konzentrieren.

Wieso musste dieser olle Miesmacher mir ausgerechnet diesen Tag mit Strafarbeiten mies machen?

Oh Manno … - die hätte ich nun wirklich nicht gebraucht.

Dass ich mir die Strafarbeiten selbst zuzuschreiben hatte, das kam mir dabei natürlich nicht in den Sinn. Ich empfand es einfach nur als ungerecht. Schließlich hätte er, als er kürzlich geheiratet hatte auch den Namen seiner Frau, unserer Deutschlehrerin, annehmen können.

Dann hätte er Meier geheißen, worüber sich kein Mensch lustig gemacht hätte.

Außer … - aber das war viel zu absurd.

Denn wen interessierten schon die Eier vom Meier.

Wieder drifteten meine Gedanken in Richtung Schule ab, und ich fragte mich, wie es denn zu diesem Hass zwischen dem Miesmacher und mir eigentlich gekommen war.

Eine Antwort darauf fand ich allerdings nicht, außer …

Ja, musste er denn ausgerechnet im ersten Winter, als ich im Gymnasium war, in der Pause auf dem Schulhof Dienst schieben? Hätte er es nicht gemacht, hätten wir vielleicht keine so großen Probleme miteinander bekommen.

So aber zierte seitdem eine Narbe seine Stirn. Und das nur, weil er damals in meine Wurflinie geriet, als ich einen Schneeball warf, der Achim treffen sollte.

 

Na gut, ich hätte in diesen ja keinen Stein zu stecken brauchen, aber ich war schon seit der Kindergartenzeit stinksauer auf ihn. Denn immer wieder ärgerte er mich wo er mich nur sah. Und mittlerweile hatte ich davon die Schnauze wirklich so gestrichen voll, dass ich ihm einen Denkzettel verpassen wollte, den er nie mehr vergessen sollte.

Dass ausgerechnet dieser Schneeball den doofen Miesmacher traf, dafür konnte ich nun doch wirklich nichts. Aber, da er damals heraus bekam, dass ich diesen Schneeball geworfen hatte, und ich ihm nicht sagen wollte warum, machte er mir seither meine Schulzeit zur Hölle wo er nur konnte. Und Achim, der die ganze Sache ja mitbekam, hänselte mich deshalb bei jeder Gelegenheit.

Hätte ich das geahnt, dann hätte ich mit diesem Schneeball bis nach der Schule gewartet. Denn jetzt hatte ich weder Ruhe vor Achim, noch wusste ich, was ich tun sollte um endlich Ruhe vor dem ollen Miesmacher zu kriegen.

Ich musste laut seufzen ...

Wie gerne würde ich mich jetzt mit meinem Ranzen unterhalten und endlich von den Gedanken an die Schule wegkommen. Deshalb hoffte ich auch inständig, dass meine Mutter sich endlich auf den Weg machen würde um Mario abzuholen. Doch die Zeit schien still zu stehen.

Aber mir brannte die Zeit unter den Nägeln.

Schließlich wollte ich das heutige Fußballtraining auf gar keinen Fall verpassen.

Denn am kommenden Sonntag sollte immerhin ein wichtiges Entscheidungsspiel gegen Rilchingen sein. Und ich wusste ganz genau, wenn ich heute nicht beim Training wäre dürfte ich an diesem Spiel nicht aktiv teilnehmen. Das aber wollte ich unbedingt, denn ich konnte schon beim Hinspiel gegen diese Mannschaft nicht antreten, weil ich mir ausgerechnet davor den rechten Fuß verknackst hatte. Mensch, es war wirklich zu Mäuse melken.

Wir mussten dieses Spiel einfach gewinnen, denn sonst hätte doch unser Aufstieg in die nächste Liga gewackelt. Und das konnte schließlich nicht sein.

Denn so sehr wie ich mich für den Aufstieg ins Zeug gelegt hatte, hatten wir uns diesen doch wirklich redlich verdient. Ich musste es also hin bekommen mit meinen Aufgaben rechtzeitig fertig zu werden, und sie zudem auch noch richtig zu haben.

Das war schließlich die Grundvoraussetzung um an dem Training überhaupt teilnehmen zu dürfen, das wusste ich nur zu genau. Im anderen Fall kannte meine Mutter kein Erbarmen. Das hatte sie mir in der Vergangenheit bereits oft genug gezeigt. Würde ich also nicht rechtzeitig mit den Hausaufgaben fertig werden, dann konnte ich das Training vergessen. Muttern gingen die Hausaufgaben nämlich vor allem anderen.

Dabei machte Fußball spielen doch viel mehr Spaß als am Schreibtisch zu hängen um zu büffeln.

Wieso nur konnte das von den Erwachsenen keiner verstehen?

Schließlich träumte ich von einer Karriere als Fußballprofi und von nichts anderem!

Fast wäre ich aufgestanden, um meine Mutter danach zu fragen warum das nicht endlich mal jemand begriff, da hörte ich es endlich im Flur klackern.

Das sind sicher die Absätze von Mutters Schuhen, ging es mir durch den Sinn. Denn kein anderer verursachte so viel Lärm beim gehen wie meine Mutter.

Aber schon in diesem Augenblick rief sie mir einen kurzen Gruß zu, mit dem sie mich darüber informierte, dass sie jetzt Mario abholen wolle. Dann rastete die Wohnungstür von außen ein.

Ach, wie erleichtert ich darüber doch war.

Vielleicht kann mir mein Ranzen ja doch helfen … - wenn nicht … schwirrten mir die Gedanken nur so durch meinen hübschen Kopf, es ist zumindest den Versuch wert. Denn ohne Hilfe schaffe ich es heute ganz sicher nicht rechtzeitig.

Jetzt musste alles ganz schnell gehen.

Ich holte im Blitzverfahren meinen Ranzen unter dem Bett hervor und begrüßte ihn fast stürmisch.

„He, hee, was soll denn das jetzt“, wehrte er sich dagegen „solche Liebesbezeugungen bin ich von dir ja gar nicht gewohnt … - also lass das mal lieber.“

„Sorry, ich bin nur froh, dass meine Mutter endlich raus ist. Jetzt können wir uns weiter unterhalten.“

„Und was ist mit deinen Aufgaben? Willst du heute etwa aufs Fußballtraining verzichten???“

„Nein, natürlich nicht, was denkst du denn?“ Kratzborstig erhielt er diese Antwort von mir.

„Aber ich brauche dich bei den Hausaufgaben, sonst werde ich damit nicht pünktlich fertig.“

„Ach nee, auf einmal. Sag nur du glaubst mir jetzt plötzlich, dass ich dir helfen kann?“ fragte er mich spöttisch.

„Ob ich dir glauben kann werde ich sehen. Tatsache ist, dass ich allein mit den Aufgaben nicht so fertig werde, dass ich das Fußballtraining zeitlich schaffe. Also was ist, willst du mir helfen oder nicht?“ Kampfeslustig blitzte ich ihn an.

„Ich helfe dir unter einer Bedingung, und die kennst du“, entgegnete mir mein Ranzen ohne Gnade. „Du versprichst mir, dass du mich nie wieder so wie in der Vergangenheit behandeln wirst. Im anderen Fall kannst du jede Hilfe vergessen!“

„Was bleibt mir anderes übrig ...“, ergab ich mich „aber wenn du mich veräppelt hast, dann kannst du was erleben!“

„Abgemacht“, kam es sogleich feierlich von meinem Ranzen. „Und jetzt lass uns mal sehen was du auf hast. Am besten kommst du dazu erst mal zu mir runter, denn an oder auch auf deinem Schreibtisch ist ja nicht genug Platz dafür. Das heißt, pack erst mal hier unten alles aus, lass es mich ansehen und dann setzt du dich an deinen Schreibtisch und wir machen die Sachen gemeinsam!“

Mit den Worten „alles klar“ ließ ich mich auf den Boden plumpsen, um die Sachen aus dem Ranzen auszupacken, die ich für die Hausaufgaben brauchen würde.

Kaum war das getan steckten mein Ranzen und ich die Köpfe zusammen und sahen uns die Aufgaben an, bis von ihm die klare Anweisung kam „Jetzt setz dich an den Schreibtisch und fang an, und wenn du etwas nicht sicher weißt frag mich. Ich bin sicher, so wird es am schnellsten und besten voran gehen“

Gesagt, getan!

Genauso machten wir es. Und zum ersten Mal kam ich schnell wie der Wind mit meinen Hausaufgaben voran. Selbst die dusselige Strafarbeit lief wie von selbst. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit und Lust mich nochmals darüber zu ärgern. Längst war ich mit den Aufgaben fertig, als meine Mutter mit Mario in die Wohnung kam. Und das war mir sehr recht. Denn so hatte ich noch die Zeit dazu meinen Ranzen danach zu fragen wer denn nun Pieps war.

Als ich die Antwort hörte musste ich herzlich lachen.

Ausgerechnet meinen Wellensittich hatte er Pieps genannt.

Na ja, irgendwie passte der Name ja zu Laura, denn piepen tat sie tatsächlich.

Schleierhaft blieb mir nur, wie sich die beiden miteinander verständigen konnten ohne dass ich etwas davon mitbekommen hatte. Und ebenso schleierhaft war mir auch, wie Laura – Pieps - meinen Ranzen wieder zum leblosen Ranzen werden lassen wollte, so dass er mir aber bei Klassenarbeiten dennoch helfen konnte.

Doch leider kam ich nicht mehr dazu ihn zu fragen, denn in dem Moment, als ich es tun wollte, hörte ich die Stimmen von meiner Mutter und Mario im Flur. Und schon wurde aus meinem eben noch mir helfendem Freund wieder ein lebloser Ranzen.

Das geschah aber auch gerade noch rechtzeitig, denn wie so oft stürmte Mario bereits in mein Zimmer, nur um mir zu sagen, dass er in drei Tagen einen außerplanmäßigen Wandertag haben würde. Als würde mich das interessieren …

Ihm direkt hinterher kam meine Mutter, um sich danach zu erkundigen wie weit ich denn mit meinen Hausaufgaben wäre.

„Die Aufgaben sind längst fertig“, teilte ich ihr mit und sie schüttelte darüber nur zweifelnd den Kopf.

„Na, wenn diese Aufgaben nur mal richtig sind? Ich werde sie mir ansehen sobald Mario sein Mittagessen auf dem Teller hat. Doch ich sage dir eins: Wenn die Aufgaben nicht in Ordnung sind, dann machst du sie gerade noch einmal, ist das klar?“

Jetzt wird sich zeigen, ob mein Ranzen mir wirklich helfen konnte … - und wenn nicht …

Egal was nun geschah, ich musste innerlich grinsen, wenngleich mir auch nicht ganz klar war wieso. Äußerlich jedoch versuchte ich ernst zu bleiben als ich ihr antwortete „Ja, ist schon klar ...“

 

Skeptisch sah mich meine Mutter bei diesen Worten an, dann schnappte sie sich Mario und verließ mit ihm mein Zimmer, um ihm in der Küche sein Mittagessen zu servieren.

Mir blieb nun wieder Zeit um meinen Gedanken nachzuhängen.

Deshalb wollte ich sie auch gleich dazu nutzen meinen Traum vom großen Fußballstar in mir wieder einmal lebendig werden zu lassen.

Das tat ich noch vor jedem wichtigen Training und vor allem vor jedem wichtigen Spiel.

Denn es gab mir den nötigen Kick, um mein Bestes zu geben und dafür zu sorgen, dass wir jedes Spiel, in dem ich als Spielerin aktiv dabei war, gewannen. Und gerade dieses Spiel gegen Rilchingen musste unsere Mannschaft gewinnen, und ich musste heute beweisen, dass ich es verdient hatte aktiv bei diesem Spiel mitzumachen. Dass das funktioniert, das hatte ich mal in den Ferien vom Diakon erfahren. Dieser hatte uns den Trick verraten, und der musste es schließlich wissen. Also wollte ich genau das jetzt auch machen.

Doch dazu kam es nicht, denn schwupps … – noch bevor ich mich versah, landeten meine Gedanken schon wieder in der Schule.

Was war heute nur mit mir los?

Noch nie hatte ich an einem Tag so oft wie heute an die dusselige Schule gedacht, die in meinen Augen so was von überflüssig war ...

Sie konnte mir doch sonst gestohlen bleiben.

Etwas anderes war es natürlich, wenn es darum ging welche Streiche auszuhecken.

Denn das tat ich leidenschaftlich gern … - sehr zum Leidwesen meiner Lehrer und zum Nachteil meiner Noten. Das lag aber nur daran, dass meine Pauker einfach keinen Spaß verstehen konnten, an nichts anderem.

Darin war ich mir absolut sicher!

Denn die Streiche, die ich mir einfallen ließ, waren auf jeden Fall Super … - zumindest war ich davon überzeugt. Und die ganze Klasse genoss sie jedes Mal.

In diesem Augenblick dachte ich daran wie ich unserem Physiklehrer, dem alten Remmel, das Autofahren gründlich vermieste. Zuzuschreiben hatte der sich das selbst. Denn ich tat nichts anderes, als mich für eine sechs in der mündlichen Abfrage zu revanchieren, die ich für mehr als ungerecht hielt. Wieso musste der Remmel mich auch ausgerechnet an dem Tag, an dem ich noch so fürchterlich unausgeschlafen war, abfragen? Er musste mir doch angesehen haben, dass ich nicht in der Lage war dem Unterricht zu folgen. Und da wäre es nicht mehr als höflich gewesen darauf Rücksicht zu nehmen. Aber nein … - er piesackte mich, statt mich in Ruhe zu lassen.

Deshalb schnappte ich mir drei Tage später eine Kartoffel aus unserer Küche und steckte sie ihm in den Auspuff von seinem ollen Fiesta.

Nun, so fies wie eben alte Fiesta sind, zeigte dieser dem Remmel dann auch gleich was eine Harke ist. Remmel aber war darüber ebenso wenig erfreut wie ich über die sechs in Physik, die ich nur noch mit extrem guten Leistungen in der nächsten Physikarbeit ungeschehen machen konnte.

Das hatte er nun davon … - ich aber leider auch!

Wie gut, dass er nicht dahinter kam, dass das meine ganz persönliche Rache gewesen war.

Ich mochte mir gar nicht ausmalen was sonst passiert wäre ...

In diesem Augenblick läutete die Kirchturmuhr viermal und ich erschrak darüber, weil ich wusste, dass ich mich nun sputen musste. Im anderen Fall wäre ich nämlich zu spät zum Fußball gekommen. So schnell ich konnte packte ich meine Sachen in den Ranzen. Nur die Hausaufgaben, die meine Mutter ja noch kontrollieren wollte, ließ ich auf dem Schreibtisch liegen. Sie würde sie ja eh gleich ansehen. In der Küche hörte ich es währenddessen klappern, und als etwas Ruhe einkehrte wusste ich, dass ich jetzt dran wäre mit der Hausaufgabenkontrolle.

Da kam sie auch schon, meine Mutter, wieder zu meiner Tür hereingeschneit.

„Na, dann lass mich mal an deinen Schreibtisch“, forderte sie mich auf meinen Platz zu verlassen „ich schau mir mal geschwind deine Sachen an, damit du noch etwas Zeit hast um Berichtigungen zu machen. Sonst wird das heute nichts mit deinem Fußballtraining.“

Ungern machte ich ihr Platz und ließ sie meine Hausaufgaben kontrollieren. Denn in der Regeln fand sie darin noch so manchen Fehlerteufel.

Heute aber war alles anders!

Nicht einen einzigen Fehler fand Mutter in meinen Hausaufgaben, worüber sie mehr als erstaunt war und was mich selbst natürlich sehr freute.

„Wie hast du das denn hingekriegt? Normalerweise läuft das doch anders bei dir“, wollte sie sogleich von mir wissen.

„Das kann ich dir auch nicht sagen ...“, erklärte ich mit einem dankbaren Blick auf den Ranzen, den meine Mutter aber nicht wahrnehmen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihm saß.

„Nun, wie auch immer das gelaufen ist, deine Hausaufgaben sind tadellos! Und ich wäre froh, wenn das keine Eintagsfliege bliebe sondern du mir in Zukunft immer solche Hausaufgaben vorlegen würdest. Denn dann würden auch deine Klassenarbeiten anders aussehen!“

Mit diesen Worten strich mir meine Mutter übers Haar. Ich konnte das zwar gar nicht so gut leiden, aber sie war nun einmal meine Mutter. Deshalb ließ ich es ohne ein Wort geschehen.

Wichtig war mir in diesem Augenblick nur, dass ich rechtzeitig zum Training aufbrechen konnte.

„Kann ich meine Sachen jetzt einpacken?“

„Ja, klar ...“ , war der kurze Kommentar dazu von Mutter „und anschließend kannst du dich fürs Fußballtraining fertig machen. Ich fahr dich dann hin. Müssen wir unterwegs noch einen einsammeln?“

„Nein, das brauchen wir heute nicht. Die Mutter von Steffi bringt die anderen mit“, erklärte ich ihr.

Was ich ihr verschwieg war die Tatsache, dass ich nicht daran geglaubt hatte rechtzeitig fertig zu werden. Denn in der Regel brauchte ich tatsächlich viel, viel mehr Zeit für meine Aufgaben.

„Prima! Dann kannst du noch vor dem Training mit mir Kaffee trinken! Ich habe nämlich gestern Abend noch eine Donauwelle gebacken. Und die magst du doch so gern.“

Donauwelle … - mmmh lecker, war mein einziger Gedanke.

Wie gut, dass ich so schnell mit den Hausaufgaben fertig geworden war. Wer weiß ob für mich im anderen Fall noch genug übrig geblieben wäre.

Ich hätte mich in Donauwellen nämlich immer rein legen können, so klasse schmeckten sie mir.

Zu meiner Mutter gewandt meinte ich „Au ja, das ist jetzt genau das Richtige für mich!“

„Na, dann komm mit!“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und verließ mit meiner Mutter mein Zimmer, um mit ihr in der Küche den Tisch fürs Kaffee trinken zu decken.

„Trinkt sonst noch einer mit uns Kaffee?“ Ich stellte Mutter diese Frage rein rhetorisch, obwohl ich eigentlich das Gefühl gehabt hatte, dass Mario längst nicht mehr in der Wohnung war.

„Nein, nur wir beide ...“

„Prima, und danach kann ich zum Fußballtraining?“

„Ja, gleich danach brechen wir auf. Und heute bleibe ich dabei und schaue mir das Training auch einmal an. Ich habe nämlich endlich mal genug Zeit, weil mein Nähkurs heute ausfällt“, erklärte mir meine Mutter.

„Na dann, guten Appetit!“

Wir beide genossen die Donauwelle, stellten noch unser Geschirr in die Spülmaschine und dann nahm ich meinen Trainingsbeutel und verließ mit meiner Mutter die Wohnung, um mit ihr zum Fußballplatz zu fahren.

Noch bevor wir ins Auto einstiegen, wollte ich von meiner Mutter wissen „Sag mal, wo ist eigentlich Mario hin? Der war so schnell weg, dass er doch bestimmt noch keine Aufgaben machen konnte. Wieso darf der das eigentlich und ich nicht?“

„Mario ist zu Benny mit dem Rad gefahren, und von dort aus wollten sie mit Bennys Eltern ins Schwimmbad“, war die lakonische Antwort meiner Mutter.

„Und wieso darf er das ohne Hausaufgaben gemacht zu haben, ich aber nicht?“ bohrte ich noch einmal nach.

„Zum einen hat Mario heute keine Aufgaben auf, und zum anderen macht er sie einfach anders als du normalerweise“, erklärte mir meine Mutter die Sachlage.

Ich konnte darauf nichts erwidern, denn ich wusste nur zu gut, dass es den Tatsachen entsprach.

 

Zwar hatte ich keine Ahnung wie der Steppke das machte, aber er war wirklich mit seinen Sachen meist viel schneller fertig als ich. Und er hatte seltsamerweise auch bei Klassenarbeiten längst nicht meine Probleme. Dabei lernte er längst nicht soviel dafür wie ich.

„So gut wie der hätte ich es auch gern nochmal ...“, seufzte ich deshalb nur kurz auf.

Dann kletterte ich auf den Rücksitz vom Auto und die Fahrt zum Fußballplatz ging los.

Ach, wie sehr ich mich doch darauf freute, denn Fußball war einfach mein Leben.

Könnte ich doch nur, statt zur Schule zu gehen, ständig auf den Sportplatz …

Kaum war das gedacht kamen wir auch schon am Sportplatz an. Und dort verging das Training wie im Nu. Ich beherrschte meine Sache wie sonst keiner aus unserer Mädchenmannschaft, deshalb wurde ich dafür an diesem Tag von unserem Trainer auch mehrfach gelobt. Das tat mir richtig gut, denn im Gegensatz zu dem was in der Schule lief war ich hier der King. Und es war nicht schlecht, dass meine Mutter das auch wieder einmal mitbekam. Es machte nämlich auch sie mächtig stolz auf mich. Leider jedoch war das Training nur allzu bald vorbei und wir fuhren wieder nach Hause.

Auf dem Weg dorthin kam allerdings noch einmal die Frage meiner Mutter, auf die ich bereits die ganze Zeit über gewartet hatte. „Wieso ging die Mathe-Arbeit eigentlich nicht besser? Du konntest die Aufgaben doch alle zu Hause einwandfrei.“

„Ich weiß es selbst nicht ...“, war meine dürftige Antwort darauf.

„Und wie soll das jetzt weitergehen? Dein Schulstoff wird nicht leichter, sondern mit jedem Schuljahr schwieriger.“

„Das kann ich dir auch nicht sagen, doch ich werde mich weiterhin anstrengen so gut ich es kann“, versprach ich meiner Mutter sogleich. Mehr hatte ich nicht dazu zu sagen, denn es ärgerte mich ja selbst, dass ich die Sachen zu Hause konnte, sie aber wie weggeblasen waren wenn ich in der Schule vor den Klassenarbeiten saß. Nach dieser Aussage verfielen wir beide in tiefes Schweigen, bis wir zu Hause waren. Und um keiner weiteren Diskussion mehr standhalten zu müssen verkrümelte ich mich gleich darauf in mein Zimmer. Selbst zu Abend essen wollte ich nicht mehr. Das erklärte ich auch, als man mich zum Abendessen rief. Glücklicherweise ließ man mich an diesem Abend auch wirklich einmal in Ruhe.

Da ich von Training richtig müde war legte ich mich alsbald schlafen, und meine Augen fielen mir sehr schnell zu. Doch kaum war ich eingeschlafen, erschien mir mein lebendiger Ranzen im Schlaf, und fragte mich: „Na, glaubst du mir jetzt, dass ich dir helfen kann?“

Ich brauchte etwas Zeit um mich zu orientieren.

In dieser fragte mich mein Ranzen erneut: „Was ist nun, glaubst du mir jetzt, dass ich dir helfen kann???“

„Ja, das hast du mir ja heute bewiesen. Ich war noch nie so schnell mit den Aufgaben fertig wie heute. Und meine Mutter war damit auch noch nie so zufrieden. Übrigens … - danke dafür!“

„Und wie soll es mit uns jetzt weitergehen?“

„Wie meinst du das?“

„Ganz einfach, so wie ich es heute schon gesagt habe. Wenn du mit mir in Zukunft ordentlich umgehst, dann helfe ich dir gern bei deinen Hausaufgaben und Klassenarbeiten. Wenn du allerdings weiter deine Wutausbrüche an mir auslässt, dann kannst du sehen wie du alleine fertig wirst. Ist dir das klar?“

„Du meinst es ernst!“, stellte ich fest.

„Ja, ich meine es sogar sehr ernst und gehe davon auch nicht ab! Du hast mich ohne jede Rücksicht auf mich immer wieder, seit Jahren, malträtiert. Das mache ich in Zukunft nicht mehr mit. Denn für mich hat es die Hölle bedeutet, solche Schmerzen hast du mir damit zugefügt. Und außerdem sehe ich dadurch derart zerfleddert aus, dass ich von allen anderen Ranzen seit langem ausgelacht werde. Glaubst du denn wirklich, dass mir das Freude bereiten kann???“

„So habe ich das noch gar nicht betrachtet ,,, - entschuldige bitte. Aber für mich warst du bis heute nur ein lebloses Ding, das nur den einen Zweck erfüllte, meine Schulsachen von hier in die Schule und zurück zu transportieren.“

„Siehst du das immer noch so?“

 

„Nein - natürlich nicht! Wie könnte ich das denn nach den Erfahrungen, die ich heute gemacht habe, immer noch so sehen? Das geht doch gar nicht!“

„Na, dann sag mir bitte einmal wie du das jetzt siehst“, forderte der Ranzen mich daraufhin auf, und ich erklärte ihm wie ich die Sache nach den ersten Gesprächen mit ihm sah.

„Hätte ich gewusst wie es dir dadurch geht, dass ich so wild mit dir umgehe, dann hätte ich es doch gar nicht erst gemacht ...“, gab ich beschämt zu „auch dann nicht, wenn ich noch so wütend auf die Lehrer gewesen wäre. Stattdessen hätte ich mir etwas anderes gesucht um daran meinen Ärger auszulassen. Aber halt, hätte ich dann nicht unter Umständen auch wieder jemanden oder etwas verletzt???“

„Das kommt ganz darauf an was du gemacht hättest. Denn statt deinen Ärger an irgendwas auszulassen hättest du ihn ja auch in ganz andere, für dich fruchtbare Bahnen lenken können, wie du es zum Beispiel auch beim Fußballspielen tust. Da powerst du dich aus, ohne dass es jemandem schadet oder gar weh tut. Und das kannst du zum Beispiel auch bei anderen Sachen machen. Verstehst du das?“

„Wenn ich ehrlich bin noch nicht so wirklich“, bekannte ich daraufhin.

„Also, würdest du, wenn du voller Wut bist, nicht auf dem Heimweg trödeln sondern dir einen Sport daraus machen gerade dann besonders schnell heim zu kommen, dann würde der Ärger unterwegs schon verfliegen. Denn die Kraft, die du dann in die Schnelligkeit für den Heimweg investieren würdest, sie würde dir für deinen Ärger schon nicht mehr zur Verfügung stehen“, erläuterte Heike der Ranzen.

„So gibt es aber noch viel mehr Möglichkeiten seinen Frust abzubauen, und irgendwann schildere ich dir diese auch noch. Aber im Moment glaube ich, dass es für dich an der Zeit ist zu schlafen. Denn ich habe schon oft beobachtet, dass du, wenn du zu wenig geschlafen hast, am nächsten Tag ziemlich unausstehlich sein kannst. Und das ist für dich selbst von Nachteil. Denn du bekommst dann vom Unterricht nur einen Bruchteil mit, was es dir erschwert anschließend über den Schulstoff, der in der Zeit gelaufen ist, ordentliche Arbeiten zu schreiben. Verstehst du das?“

„Meinst du wirklich?“

„Ja, so ist es wirklich, das kannst du mir ruhig glauben. Schließlich begleite ich dich ja fast jeden Tag über viele Stunden und bekomme es sehr genau mit. Du verdirbst dir damit selbst die Freude am lernen und auch so manche gute Note! Da hilft es dir auch nicht stattdessen so manchen Schabernack auszubrüten, der dir womöglich noch Strafarbeiten und schlechte Noten einbringt. Das hast du doch in der Vergangenheit selbst feststellen können, oder?“

„Dann ist es jetzt wohl wirklich an der Zeit die Augen zu schließen, und ab morgen behandle ich dich wie meine Freundinnen. Du wirst es schon sehen! Aber kann ich mich auch auf dich verlassen, und du hilfst mir in Zukunft beim Lernen?“

Obwohl Heike bei diesen Worten fast in den Tiefschlaf fiel wartete sie sehr gespannt auf die Antwort, die ihr der Ranzen darauf wohl geben würde.

„Du kannst dich voll und ganz auf mich verlassen! Das ist ganz fest von mir versprochen! Aber du solltest auch auf mich hören, wenn ich dich auf etwas aufmerksam mache. Denn ich bekomme sehr vieles mit, was an dir einfach vorbei geht. Versprichst du mir das?“

„Ja, das will ich dir versprechen, auch wenn ich jetzt nicht ganz verstehe wie du das meinst. Doch jetzt gute Nacht ...“

„Gute Nacht, schlaf gut“, waren die letzten Worte von Heikes Ranzen, dann schliefen beide tief und fest.

 

„Guten Morgen, aufstehen … - fertig machen ...“ weckte mich meine Mutter am nächsten Morgen.

„Muss das denn wirklich schon sein??? Kann ich nicht noch fünf Minuten schlafen? Nur fünf Minuten Mutti, bitte!!!“ Wie gerne hätte ich weiter geschlafen, denn ich hatte gerade so wunderschön geträumt.

„Nix da, du musst raus, der Tag hat begonnen, die Sonne lacht und die Schule wartet nicht!“

„Okay … - ich komme.“

 

Zuerst muss ich aber unter mein Bett schauen, ob mein Ranzen noch da ist. Er wird sich doch in der letzten Nacht nicht auf die Socken gemacht haben, um woanders hinzulaufen?

Kaum hatte meine Mutter das Zimmer verlassen, spitzte ich auch schon unter mein Bett.

Da lag mein Ranzen, leblos als hätte er nie mit mir gesprochen. Und ich fragte mich, ob ich das alles nicht nur geträumt hatte. Na, das würde sich zeigen … - aber ich wollte es nicht darauf anlegen, sondern ihn in Zukunft so pfleglich behandeln, wie ich es ihm versprochen hatte. Schließlich konnte man ja nie wissen.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett, um mich für die Schule fertig zu machen. Und nach einem reichhaltigen Frühstück schnappte ich mir meinen Ranzen, um zu Steffi zu kommen, mit der ich zur Schule fahren würde. Dabei fiel mein Blick auf die Katzenaugen meines Ranzens.

Habe ich mich jetzt versehen, oder aber hast du mir ein Auge gepetzt? fragte ich stumm meinen Ranzen, als es wieder geschah. Ich nahm es als gutes Zeichen und trabte fröhlich los.

Unterwegs sagte ich zu ihm „Du, Ranzen, haben wir uns gestern wirklich miteinander unterhalten, und wirst du mir künftig wirklich bei den Aufgaben und Klassenarbeiten helfen???“ Er aber sprach nicht mit mir. Stattdessen hatte ich das Gefühl, als hüpfe er auf meinem Rücken auf und nieder.

Ob das wohl „Ja“ bedeuten sollte?

Es blieb mir nichts anderes, als es zu hoffen.

Tief in Gedanken versunken merkte ich gar nicht wie schnell ich bei Steffi ankam, die mich schon an der Gartentüre erwartete.

„Guten Morgen Heike, hast du dich auch auf die heutige Geographiearbeit vorbereitet?“ wollte sie sofort von mir wissen.

Au weia! Daran hatte ich vor lauter Fußball ja gar nicht mehr gedacht … - was jetzt?

„N .. - nein“, stammelte ich „die hatte ich total vergessen.“

„Das ist Mist“, platzte es daraufhin aus Steffi heraus „dabei brauchst du doch mindestens eine drei plus, um die fünf vom mündlichen auszumerzen. Wie willst du das denn machen?“

Mehr als ein „Ich habe keine Ahnung“, fiel mir nicht ein. Doch heimlich hoffte ich auf die Unterstützung meines Ranzens.

Richtig bedrückt schaute mich meine Freundin an

„Na, vielleicht lässt man uns zusammen sitzen oder zumindest in der Nähe. Dann kannst du gerne versuchen bei mir zu spicken. Aber lass dich bitte nicht dabei erwischen. Nicht dass es uns beide Kopf und Kragen kostet.“

„Das ist lieb von dir gemeint, Steffi, aber ich will dir deine Note wirklich nicht vermiesen. Deshalb kommt das so für mich nicht in Frage.“

„Willst du trotzdem mit in die Schule kommen? Du könntest ja auch zurück nach Hause gehen und deiner Mutti sagen es gehe dir sehr schlecht. Vielleicht nimmt sie es dir ja ab ...“

„Nein, Steffi, das würde mir meine Mutti niemals glauben.“

Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel und in Richtung meines Ranzens. Denn jetzt konnte nur noch er mir helfen.

„Du kommst also wirklich mit in die Schule?“

„Ja, das mache ich. Ich sehe keine andere Möglichkeit, und wer weiß, vielleicht wird es ja auch nicht ganz so schlimm, wie wir es jetzt befürchten.“

„Okay, vielleicht ist unser Geolehrer ja auch krank ...“

„Nee, das glaube ich nicht, der Pilgert hat noch nie die Schule geschwänzt, das weißt du doch!“

„Ja, aber ...“ Steffi verstummte. Und so blieb es auch bis wir in der Schule waren.

Ausgerechnet in der ersten Stunde hatten wir den Pilgert, und wie erwartet war er auch da.

Mir blieb nichts weiter, als ein weiteres Stoßgebet gen Himmel zu schicken, in der Hoffnung darauf, dass es mein Ranzen hören möge.

Dann wurden die Blätter für die Geoarbeiten ausgeteilt.

Steffi sah mich mitleidig an, dann setzte der Pilgert sie in die erste und mich in die letzte Reihe, so als hätte er das Angebot von Steffi unterwegs gehört.

Mir war es gerade recht, denn schlafen konnte man sowieso in der letzten Bank am besten.

Trotzdem sah ich mir den Zettel mit den Fragen zur Klassenarbeit natürlich an.

Dabei stellte ich fest, dass jede Frage nur mit einem Kreuzchen an der richtigen Stelle zu beantworten war.

Allerdings erkannte ich auch, dass ich von diesen Fragen rund neunzig Prozent nicht beantworten konnte. Just in diesem Moment stieß mich etwas am rechten Fuß an. Und fast hätte ich laut gefragt „Was soll das?“ Doch ich erkannte noch rechtzeitig, dass der Stoß nur von meinem Ranzen gekommen sein konnte. Denn weder rechts noch links von mir saß irgendwer.

Deshalb blickte ich geschwind hinunter und bekam gerade noch mit, dass das eine Katzenauge meines Ranzens mit zuzwinkerte. Das nahm ich als Aufforderung dafür, dass mein Ranzen bereit war mir zu helfen.

Wie zufällig ließ ich das Blatt mit den Fragen und meinen Schreiber vom Tisch gleiten und wartete einen Augenblick. Unser Lehrer, den ich dabei die ganze Zeit nicht aus den Augen ließ, saß währenddessen gemütlich an seinem Pult und las die Saarbrücker Zeitung.

Ob es ihm egal ist wer bei wem spickt? fragte ich mich heimlich. Wieso aber hat er dann Steffi und mich nicht zusammen gelassen?

Nun, da es sowieso zu spät war um dagegen noch einen Einwand zu erheben, schwieg ich dazu und bückte mich stattdessen, um das Blatt mit den Fragen sowie auch meinen Stift wieder aufzuheben.

Noch einmal blinzelte mich dabei das Katzenauge meines Ranzens an.

Ich nickte nur dazu, wusste aber noch immer nicht was ich davon halten sollte.

Doch kaum lag das Blatt vor mir war ich mehr als baff.

Alle Fragen waren beantwortet

Ob sie wohl richtig beantwortet wären? Wer, außer Pilgert, wusste das schon?

Aber falscher, als ich sie hätte beantworten können, konnte dies ja auch mein Ranzen nicht getan haben. Deshalb war es ja auch schon egal. Ich sah mir die Fragen und die angekreuzten Antworten gar nicht mehr an, sondern rief nur noch in die Klasse „Herr Pilgert, darf ich gehen? Ich bin fertig mit der Klassenarbeit!“

Mein Lehrer, der in diesem Moment von der Saarbrücker Zeitung aufsah, wirkte ziemlich irritiert. Hatte ich ihn etwa irritiert durch meinen Ruf?

Oder hatte er einen Artikel gelesen, der das bewirkte?

Nun, das konnte mir eigentlich ziemlich egal sein. Wichtig war jetzt nur für mich, dass ich die Arbeit abgeben konnte und so schnell wie möglich aus der Klasse kam.

Denn was sollte ich hier jetzt noch?

Draußen hingegen konnte ich mich bei meinem Ranzen, den ich selbstverständlich mitnehmen würde, für seine Hilfe bedanken. Ganz gleich welche Note bei der Klassenarbeit auch herauskommen würde.

Da von Pilgert keine Antwort kam fragte ich ihn nochmals: „Darf ich die Arbeit jetzt abgeben und die Klasse verlassen, Herr Pilgert? Ich bin nämlich fertig!“

Es ertönte ein lang gezogenes „Jaaaa … - dann komm her damit.“

Ich stand auf, nahm meinen Ranzen, und brachte ihm die Klassenarbeit.

„Wieso lässt du deinen Ranzen nicht hier? Das tun doch alle anderen auch? Du brauchst ihn doch nicht ...“ wollte Pilgert von mir wissen.

Doch ich schüttelte nur den Kopf, gab die Arbeit ab und verließ den Klassenraum.

Draußen bedankte ich mich bei meinem Ranzen, der mich fröhlich anzwinkerte. Und ich hätte zu gerne gewusst,ob er die Antworten wirklich alle richtig einsetzen konnte.

Aber darauf musste ich nun bis zur Rückgabe der Klassenarbeit warten.

Es dauerte Wochen, bis wir die Arbeit zurück erhielten … - Wochen, in denen ich fast vor Neugierde geplatzt wäre. Und bis dahin schrieben wir auch in keinem anderen Fach eine Klassenarbeit.

Doch als sie zurück kam war nicht nur ich erstaunt, sondern die ganze Klasse.

Zum ersten Mal war es mir gelungen eine Arbeit mit der Note „sehr gut“ zurückzuerhalten.

Oh, wie glücklich war ich darüber … - ich kann es gar keinem Menschen sagen.

Nur meinem Ranzen vertraute ich es an …

 

Dieser jedoch machte mir eindeutig klar, dass er zwar bereit sei mir zu helfen, mich aber nicht vor jedem Schlendrian bewahren würde.

Das bedeutet ganz klar, dass ich mich in Zukunft auf ihn verlassen kann, aber deshalb nicht in den Irrtum verfallen darf selbst nichts mehr machen zu müssen.

Nur, mit dem Wissen, dass ich in Zukunft beim Lernen nicht mehr allein bin, lerne ich doppelt so gerne. Und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja irgendwann auch noch ohne die Hilfe meines Ranzens, bis dahin aber bin ich froh, wenn ich mich auf ihn verlassen kann …

 
 

© Gisela Segieth

 

 

 

 

 

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