Die Mauer, Tante Marie und ich

Mir ist, wäre es gestern gewesen. Jedes Mal wenn sie kam brachte Tante Marie neue Grenzerfahrungen mit. Sie kam nämlich von Ostberlin zu uns ins Saarland herüber.

Meine Großtante kam immer mit der Bahn, auch als die Mauer längst gebaut war, was sicher nicht immer einfach war.

Aber so strapaziös die Fahrten für meine Großtante auch waren, so erlebnisreich schilderte sie uns diese auch immer wieder. Und so manches Mal hatte ich das Gefühl, dass die Fahrten für Tante Marie nicht risikolos waren.

Doch meine Großtante schien sich vor gar nichts zu fürchten.

Wahrscheinlich hatte sie sich das Fürchten abgewöhnt, als sie sich mit gerade einmal sechzehn Jahren von Ostpreußen aus allein auf den Weg nach Berlin machte, um im Rinnstein auf den Kaiser zu warten.

Dort, im Osten von Berlin, blieb sie bis zu ihrem Tod.

Als der Krieg ausbrach war Tante Marie für unsere Familie der einzige Haltepunkt, denn nur ihre Adresse blieb bestehen. Und so sammelten sich dann auch alle Nachrichten bei ihr und jeder, der den Krieg überstand, fand zuerst bei ihr Zuflucht.

Sie war der Dreh- und Angelpunkt für alle aus der Familie wie dem Bekanntenkreis. Aber sie war auch zu jeder Zeit die gute Seele der Familie. Denn sie hatte für jeden von uns immer ein gutes Wort, und sie konnte auch so manches böse Wort anderer in uns auflösen.

Dabei war ihr Leben ganz sicher nicht immer leicht. Verlor sie doch ihr ein und alles, ihren einzigen Sohn, im zweiten Weltkrieg und ihren geliebten Mann kurz darauf. Er konnte den Tod seines Sohnes nicht ertragen und folgte ihm schon kurze Zeit später.

Meine Großtante hingegen bewies Stärke, indem sie sich wieder fing.

Von da an konnte kommen was wollte, Tante Marie ließ sich von nichts mehr unterkriegen.

Selbst der Mauerbau, der uns alle bis ins Mark erschütterte, schien meiner Großtante nicht wirklich viel auszumachen. Denn sie glaubte bis zu ihrem Tod fest daran, dass die Mauer irgendwann fallen würde.

Ja, und so manches Mal wenn ich mit ihr darüber sprach erklärte sie mir „Die Mauer wurde von Menschenhand gebaut und sie wird auch von Menschenhand wieder zum Einsturz gebracht. Du wirst es schon sehen, mein Kind. Und wenn es gar nicht anders geht, dann werde auch ich mithelfen sie zum Einsturz zu bringen!“

Tante Marie war ein ganz besonderer Mensch, der sich vor allem durch Herzenswärme auszeichnete. Außer, sie konnte Menschen überhaupt nicht ausstehen. Denn diesen konnte sie das schon einmal zeigen.

Gefallen ließ sie sich nämlich so schnell von keinem etwas.

Das galt auch für die Grenzbeamten in der DDR, denen sie immer dann begegnete wenn sie von Ostberlin zu uns ins Saarland kam.

So kam es, dass Tante Marie jede Mal wenn sie von Ostberlin zu uns kam etwas Neues über diese Leute zu erzählen hatte.

An eine Geschichte kann ich mich noch ganz besonders gut erinnern, denn den mächtigen Groll, den Tante Marie damals mitgebracht hatte spüre ich heute noch förmlich.

Oh ja, dieser Ärger, der sie damals erfüllte war riesengroß.

Woher er kam?

Nun, die Grenzpolizei hatte meine Großtante mir ihren damals über achtzig Jahren im Zug stramm stehen lassen. Und das kam wie folgt.

Wie immer patrouillierten Grenzpolizisten den Zug nach Ostberlin, in dem sich auch Tante Marie befand, und als sie bei ihre waren, da fragten sie meine Großtante wohin sie denn fahre.

Meine Großtante antwortete darauf wie aus der Pistole geschossen „In die Ostzone!“

Die Grenzpolizisten, darüber überhaupt nicht erbaut, erklärten ihr „Das heißt nicht Ostzone sondern Deutsche Demokratische Republik! Also wohin fahren Sie?“

Dann fragten sie Tante Marie erneut, wohin sie denn fahre.

Die Antwort meiner Großtante lautete wieder „Ich fahre in die Ostzone!“ wohl wissend, dass es verpönt war den Begriff Ostzone zu verwenden.

Die Grenzer hingegen liefen rot vor Zorn an, und erklärten ihr laut und für alle vernehmlich noch einmal „Das heißt Deutsche Demokratische Republik!!! Also wohin fahren Sie?“

Zum dritten Mal antwortete meine Großtante mit den Worten „Ich fahre in die Ostzone!!!“

Erbost forderten die Grenzpolizisten meine Großtante auf sich zu erheben und stramm zu stehen, die Hand zum Gruß erhoben.

Tante Marie tat es langsam und bedächtig, aber mit einem mächtigen inneren Groll.

Als sie stand forderten die Beamten Tante Marie erneut auf zu sagen, dass sie in die „Deutsche Demokratische Republik“ fahre.

Tante Marie erklärte betont ruhig bleibend „Ich fahre in die Deutsche Demokratische Republik“.

Damit waren die Grenzbeamten zufrieden und erklärten ihr, dass sie sich wieder setzen dürfe.

Dann drehten sie sich fort.

Doch sie hatten das Abteil noch nicht richtig verlassen, als Tante Marie laut äußerte „Und ich fahre doch in die Ostzone, und damit basta!“

Alle Reisenden drehten sich zu meiner Großtante um, und so manchem stand wohl ein verstohlenes Lachen in den Augenwinkeln.

Ob die Grenzbeamten es noch mitbekamen, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Aber sie ließen meine Großtante für den Rest der Zugfahrt in Ruhe.

Von da an schien man Tante Marie jedoch auf die „Rote Liste“ gesetzt zu haben. Denn es verging nicht mehr eine einzige Zugfahrt, bei der man nicht nur die Koffer meiner Großtante strengstens untersuchte, sondern Tante Marie bis zur letzten Körperstelle filzte.

Oh ja, das konnten die Grenzbeamten in der Ostzone nur allzu gut, wenngleich das bei Frauen auch Frauen taten und bei Männern halt Männer.

Bis auf die Unterwäsche musste sich Tante Marie fortan an der Grenze zur ehemaligen DDR bei jeder ihrer Reisen in den Westen Deutschlands, in einem extra für Leibesvisiten eingerichteten Raum, entblößen.

Doch niemals fanden die Grenzbeamten irgendetwas bei ihr, das sie nicht hätte mitbringen dürfen.

Denn alles was sie uns mitbrachte waren neben wunderschönen Handarbeiten stets Bonbons aus Blockmalz.

Ach, waren die köstlich!

Wir alle waren entsetzt als wir das erfuhren, zeigte es doch wie wenig Respekt die Grenzpolizisten an der Zonengrenze vor dem Alter eines Menschen hatten.

Doch selbst dieses rüpelhafte Verhalten der Grenzer konnte meine Großtante niemals davon abhalten zu uns zu kommen.

Ihre Fahrten zu uns unternahm sie nämlich bis unmittelbar vor ihrem Tod.

Der Tod aber ereilte sie erst, als sie kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag stand.

An diesem Tag, so erzählte uns später eine Bekannte von Tante Marie, sagte meine Großtante zu ihr bevor sie sich zum Mittagsschlaf hinlegte, unvermittelt: „Eigentlich habe ich jetzt lange genug gelebt. Deshalb wäre ich auch nicht böse wenn ich nun einschlafen und nicht mehr aufwachen würde.“

Und genauso geschah es.

Der Herrgott erfüllte ihr diesen Wunsch, denn er ließ sie von diesem Mittagsschlaf nie wieder aufwachen.

Für uns jedoch kam der Tod von Tante Marie viel zu plötzlich und unerwartet, denn wir hatten bereits einen Bus gechartert und uns um Hotelzimmer gekümmert, da wir alle zusammen zu ihrem hundertsten Geburtstag zu ihre fahren wollten.

Das jedoch wurde uns so drastisch zerschlagen, als wollte sie uns sagen „Hebt Euer Geld für sinnvollere Dinge auf!“

Für Tante Marie hatte der Geburtstag nämlich längst keinen so hohen Stellenwert, wie das für uns üblich war. Denn sie lebte zeitlebens jeden Tag so, als wenn es ihr erster und letzter zugleich wäre.

Doch genau ein Jahr später feierte Tante Marie mit mir den Mauerfall und ich sah, wie sehr sie sich darüber freute.

Ja, sie winkte mir an diesem Abend vom Himmel aus zu, so als wolle sie mir sagen “Schau, mein Kind, ich habe doch Recht gehabt. Hab ich dir nicht immer schon gesagt, dass die Mauer fallen wird?“

Ich aber werde Tante Marie niemals vergessen, denn sie hat mir etwas ganz wichtiges mitgegeben. Sie schrieb mir folgende Botschaft in den Himmel "Es lohnt sich immer den Weg des Lebens weiter zu gehen, ganz gleich wie schwer er auch sein mag!"

Diese Worte möchte ich Euch allen mit auf Euren künftigen Lebensweg geben. Sie stammen von einem Menschen, der sich von nichts auf der Welt jemals unterkriegen ließ.

Ob sie wohl von drüben am Zerfall der Mauer mitgewirkt hat?Wenn ich eines Tages drüben sein werde, werde ich sie ganz sicher danach fragen!


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